Hunde Erziehung

Kritik am Sprühhalsband

6 Kommentare

Sprühhalsband beim Hund - warum „harmlos“ ein gefährlicher Irrtum ist

Köpfchen statt Knöpfchen - dieses Prinzip sollte im Hundetraining immer gelten. Das betrifft ganz besonders die viel beworbenen Sprühhalsbänder für Hunde, die mittlerweile in zahlreichen Varianten auf dem Markt erhältlich sind. Spätestens seit regelmäßig im Fernsehen demonstriert wird, wie sich angeblich jedes Problemverhalten eines Hundes mithilfe einer Fernbedienung „korrigieren“ lässt, steigen Nachfrage und Akzeptanz dieser Geräte stetig. Die Hersteller versprechen einen völlig ungefährlichen Spraystoß - doch genau hier beginnt das Problem.

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Warum der Spraystoß für Hunde alles andere als harmlos ist

Schon der gesunde Menschenverstand sollte Zweifel wecken, wenn behauptet wird, ein Reiz, der jederzeit ausgelöst werden kann, sei für den Hund „gar nicht schlimm“. Wie sollen tief verankerte, genetisch festgelegte Verhaltensweisen wie etwa Jagdverhalten durch etwas unterdrückt werden, das angeblich keinerlei negative Wirkung hat?

Hundehalter werden oft aufgefordert, das Halsband selbst auszuprobieren: ein kurzes Zischen, ein Hauch kalter Luft - scheinbar harmlos. Was dabei jedoch verschwiegen wird: Zischgeräusche sind für Hunde evolutionär bedingt Warn- und Gefahrensignale. In der Natur bedeuteten sie oft akute Lebensgefahr, etwa durch Schlangen. Entsprechend tief ist diese Reaktion im Nervensystem des Hundes verankert.

Ein bekanntes Beispiel verdeutlicht das: Hunde drehen sich vor dem Hinlegen mehrfach im Kreis - ein Überbleibsel aus Zeiten, in denen sie ihre Liegestelle sichern mussten. Ein plötzliches Zischen hätte damals einen sofortigen Fluchtreflex ausgelöst. Genau diesen Reiz bringen wir heute mit einem Sprühhalsband direkt an den Kopf des Hundes - oft sogar mehrfach hintereinander. Flucht ist dabei unmöglich. Das Ergebnis: Angst, Stress und nicht selten Panik.

Dauerstress durch Unvorhersehbarkeit

Ein weiterer schwerwiegender Punkt ist die ständige Erwartungsunsicherheit. Der Hund weiß weder, wann noch warum der Spraystoß ausgelöst wird. Dieser dauerhafte Kontrollverlust wirkt extrem belastend.

Wer sich das vorstellen möchte, kann ein einfaches Gedankenexperiment machen: Stellen Sie sich vor, Sie würden über Stunden oder Tage hinweg immer wieder plötzlich erschreckt - ohne Vorwarnung. Der eigentliche Schreck ist dabei weniger schlimm als das quälende Warten darauf. Genau so fühlt sich der Alltag für viele Hunde mit Sprühhalsband an.

Fehlverknüpfungen: Angst vor Kindern, Hunden oder Joggern

Hunde lernen durch Verknüpfungen. Wird der Spraystoß beispielsweise ausgelöst, weil der Hund nicht sofort auf den Rückruf reagiert, kann es passieren, dass er diesen Reiz mit etwas völlig anderem verbindet - etwa mit einem Kind, einem Jogger oder einem Artgenossen, den er in diesem Moment ansieht.

Die Folgen sind dramatisch:

  • plötzliches Meideverhalten

  • Angstreaktionen

  • angstbedingte Aggression

Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Rhodesian Ridgeback Rüde trug ein Sprühhalsband, das beim Wildern ausgelöst wurde. Bei diesen Spaziergängen war immer auch die Hündin der Familie dabei. Wochen später begann der Rüde, genau diese Hündin zu meiden. Er zog sich zurück, verließ Räume, sobald sie auftauchte. Die Ursache: eine fatale Fehlverknüpfung. Statt das Jagdverhalten zu beeinflussen, hatte das Halsband die Beziehung der beiden Hunde zerstört.

Die Trainerin empfahl schließlich sogar, einen der Hunde abzugeben - angeblich wegen „unterschiedlicher Entwicklung“. Tatsächlich war es menschengemachtes Leid.

Geräuschangst als häufige Spätfolge

Geräuschangst generalisiert sich bei Hunden extrem schnell. Nach dem Einsatz von Sprühhalsbändern reagieren viele Hunde plötzlich panisch auf alltägliche Geräusche:

  • das Öffnen einer Sprudelflasche

  • Bratgeräusche in der Pfanne

  • Knall- oder Schussgeräusche

Hunde, die zuvor völlig entspannt waren, geraten in Angst und Stress. In der Praxis zeigt sich diese Problematik so häufig, dass sie fast schon als diagnostischer Hinweis gilt.

Technische Risiken verschärfen das Problem

Zusätzlich zu den psychologischen Folgen kommen technische Unsicherheiten:

  • unbeabsichtigtes Auslösen durch andere Funkfrequenzen

  • verzögerte oder ausbleibende Reaktion bei feuchtem Wetter

  • keine Warnung bei leerer Batterie

Besonders problematisch: Bleibt der Strafreiz plötzlich aus, kann unerwünschtes Verhalten sogar verstärkt werden (variable Bestätigung). Der Hund lernt dann, dass sich Durchhalten lohnt.

Erlernte Hilflosigkeit - wenn Hunde aufgeben

Viele Hunde werden durch Sprühhalsbänder so stark verunsichert, dass sie in eine erlernte Hilflosigkeit fallen. Sie zeigen kaum noch Eigeninitiative, bieten kein Verhalten mehr an und wirken apathisch. Der Weg zurück ist lang und erfordert ein behutsames, gut durchdachtes Training - oft über Monate.

Fazit: Kein Hundetraining per Fernbedienung

Sprühhalsbänder sind nicht harmlos, sondern bergen erhebliche Risiken für die psychische Gesundheit von Hunden. Sie versprechen schnelle Lösungen, verursachen aber oft nachhaltige Schäden.

Hunde sind fühlende, denkende Lebewesen mit einem völlig anderen Lernverhalten als wir Menschen. Deshalb sollte jede Trainingsmethode kritisch hinterfragt werden. Im Zweifel gilt auch hier ein einfacher Leitsatz:

Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu - und schon gar nicht deinem Hund.

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6 Gedanken zu „Kritik am Sprühhalsband“

  1. In unserer Hundeschule vor Ort wird das Sprühhalsband auch zum abgewöhnen des Knurrens bzw. des anzeigens von Aggression bei hundebegegnungen im Rahmen der hundetreffgruppe angewendet. Ich hab jetzt festgestellt, dass ein rüde, der so behandelt wurde, unvermittelt meine Hündin ohne Vorwarnung gebissen hat. Meine Hündin ist nur an diesem rüden vorbeigelaufen und zwar mit halben Meter Abstand. Sie war vollkommen erschreckt. Ich glaube daher, dass es fatal ist, das Knurren so und überhaupt abzugewöhnen. Mein kleiner rüde wurde auch schon von der Schule bekrittelt, dass er große rüden anknurrt und nichts mit denen zu tun haben will. Ein solches Halsband lege ich ihm nicht um. Dann habe ich nachher einen angstbeisser, der nicht mehr Knurren kann.

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  2. Schöner Text …
    Allerdings einiges sehr fragwürdig…
    Man sollte sich bei Schlagwörtern wie erlernte Hilflosigkeit ( Depression ) ersteinmal bewusst machen was mit der Studie von Seligmann überhaupt ausgesagt werden soll. Wir finden uns hier mehr in dem Gebiet Positive-Negative Bestrafung bzw Positive-Negative Belohnung
    Beispiel
    Hund zieht an der Leine etwas unangenehmes wird hinzugefügt (Halsband) das Verhalten wird weniger…
    Auch die Aussage Hunde drehen sich um nach gefahren zu suchen ist nicht ganz richtig … In erster Linie haben sich hunde ihren Schlaf Platz im hohen gras gesucht und haben durch die Drehung das Gras platt gedrückt auch haben sie so nach gefahren Gesucht aber in Hinsicht auf ihre Welpen weiter hatte dies auch viel mit dem sogenannten Territorialverhalten Zutun…
    Jede Art von Hilfsmitteln in unerfahrenen Händen kann zu Fehlverhalten führen …

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  3. Ich finde es eine sehr interessante Aussage, dass der Hund in „ständiger Erwartungsunsicherheit“ ist. Gerade, wo doch jeder, der sich gute 10 Minuten ausgiebig mit Hunden beschäftigt hat, weiß, dass Hunde im hier und jetzt leben und weder richtig voraus noch zurück denken (weshalb es bei der Stubenreinheit auch völlig sinnlos wäre, einen Welpen 5 Minuten nach dem Wasserlassen in Seine Pfütze zu drücken und zu schimpfen).
    Auch der vergleich mit dem Menschen ist, wie eben beschrieben, völliger Quatsch.
    Das mit den Wasserflaschen u.ä. kann ich nicht beurteilen, halte aber auch dies nicht unbedingt für wahr, da Hunde, wie wir wissen, ein deutlisch besseres Gehör haben als wir und ähnliche Geräusche durchaus differenzieren können. Allerdings müssten, aufgrund der „genetischen fixiertheit“, grundsätzlich alle Hunde auf Zischlaute reagieren. Meiner tut dies jedenfalls, obwohl ich nie ein Sprühhalsband verwendet oder besessen habe.
    Gefährlich finde ich allerdings Verzögerungen in der Übertragung von Fernbedienung und Halsband. Hier muss ich der Verfasserin recht geben.
    Allerdings halte ich die Wahrscheinlichkeit, dass der Hund durch einmalige, leichte, negativer Erfahrung jetzt einen Jogger oder anderen Hund mit der strafe in Verbindung bringt für äußerst gering. Ihren Hunden ist mit Sicherheit auch schon das ein oder andere negative passiert, ohne dass er für immer geschädigt war.
    Passiert dies jedoch regelmäßig, kann der Hund durchaus Angst, Aggression etc. entwickeln. Solche Halsbänder sollten also nur von erfahrenen, aufmerksamen und verantwortungsbewussten Personen eingesetzt werden!
    Somit bliebe nur noch das Übertragungsproblem bestehen, welchem ein sehr geringer Stellenwert zu zumessen ist.

    Zu guter Letzt möchte ich noch anmerken, dass ich die Werbung für Gewisse Internetseiten hier in den Kommentaren nicht für gut heiße!
    Es erweckt den Eindruck, dass hier gegen Sprühhalsbänder gehetzt wird um dann seine eigenen Kurse und Informationen besser vermarkten zu können.
    Dies ist jedoch nur mein persönlicher Eindruck, ich möchte der Verfasserin nichts unterstellen, was durch Kommentare hervorgerufen wurde.

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  4. Danke für den klugen Artikel zu den Sprühhalsbändern. Mir wurde es auch empfohlen, ich hätte es aber nicht gemacht, wurde aber doch etwas verunsichert, da die Empfehlung von einem erfahrenen Hündeler kam – dank diesem Text bin ich wieder sicher und weiss, dass mein Verstand und mein Bauchgefühl stimmen!

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  5. Das finde ich super das der Text verhindert hat das ein Hund mit diesem Halsband konfrontiert wird. Animal learn ist wirklich das beste was man einem Hund bieten kann und Sprühhalsbänder das widerlichste. Genauso wie Kettenhalsbänder oder Stachler. Ich würde jedem (angehenden) Hundebesitzer raten mal auf der Animal learn Homepage zu schauen denn da steht viel sinnvolles zur Hundehaltung. Die Wahrheit über „Dominanz“ Schnauzengriff oder Alpharolle. Letztere gibt es nämlich nicht und wer sowas schon als letzte Möglichkeit interpretiert der hat keinen Respekt von mir. Der Hund ist nie selber Schuld und keinem Hund muss man zeigen wo der Hammer hängt. Denn da wo das Wissen und die Geduld aufhört fängt Gewalt an.

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  6. Danke für diese wichtige und sinnvolle iformation, ohne diesen Artikel gelesen zu haben wäre ich fast in genau diese Falle der Hunde Nanny getappt!!!!!!!! Danke Danke auch im Namen meines Hundes ich werde mehr über meinen Hund seine Ängste und Instinkte lernen damit ich noch mehr irrtümern aufsitze.

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