Bayerischer Gebirgsschweißhund (BGS): Der feinsinnige Kletterkünstler auf der Roten Fährte

Der BGS: Ein athletischer Spezialist für die Bergjagd.
Der Bayerische Gebirgsschweißhund: Ein Hochleistungssportler mit Tiefgang
Der Bayerische Gebirgsschweißhund, in Fachkreisen kurz BGS genannt, ist die Antwort der Jagdkynologie auf die extremen Herausforderungen der Hochgebirgsjagd. Während sein Urahn, der Hannoversche Schweißhund, im flacheren Gelände durch seine schwere Masse besticht, ist der BGS der wendige Alpinist unter den Jagdhunden. Er ist kein Hund für jedermann, sondern ein hochspezialisierter Arbeitshund, der für die Nachsuche auf verletztes Schalenwild gezüchtet wurde. Seine Aufgabe beginnt dort, wo die moderne Technik versagt: auf der "kalten Fährte", die oft über steile Felswände, durch dichte Latschenkiefern und über Stunden hinweg verfolgt werden muss. Mit seiner unbändigen Ausdauer, seinem sprichwörtlichen Finderwillen und einer fast schon spirituellen Bindung an seinen Führer ist er ein unverzichtbarer Partner für Berufsjäger und ambitionierte Nachsuchenführer.
- Herkunftsland: Deutschland (Bayern)
- FCI-Standard: Gruppe 6 (Laufhunde, Schweißhunde) / Sektion 2 / Nr. 217
- Größe: Rüden 47-52 cm | Hündinnen 44-48 cm
- Gewicht: ca. 20 kg bis 30 kg
- Besonderheit: Enorm wendig und kletterstark; sehr enge Führerbindung.
Geschichte und Herkunft: Die Evolution des Berg-Spezialisten
Die Entstehung des Bayerischen Gebirgsschweißhundes ist ein Paradebeispiel für zweckorientierte Zucht. Ende des 19. Jahrhunderts stellten Jäger in den bayerischen Alpen fest, dass der schwere Hannoversche Schweißhund für die extremen Steillagen der Berge zu massig war. Die Hunde ermüdeten in der dünnen Höhenluft schneller und waren in felsigem Gelände nicht beweglich genug.
Um dieses Problem zu lösen, kreuzte man die bewährten Hannoverschen Schweißhunde mit leichteren, einheimischen Gebirgsbracken, wie etwa der Tiroler Bracke oder der heute ausgestorbenen bayerischen Gebirgsbracke. Das Ziel war klar: Man wollte die unfehlbare Fährtentreue und Ruhe des Hannoverschen Typs mit der Agilität, Sprungkraft und Kletterfähigkeit einer Bracke vereinen. 1912 wurde der "Klub für Bayerische Gebirgsschweißhunde" mit Sitz in München gegründet. Bis heute wird die Rasse streng auf Leistung selektiert. Ein BGS ist ein Kulturgut der Alpen, das seine Wurzeln in der harten Arbeit der Berufsjäger hat und auch heute noch fast ausschließlich in Jägerhände abgegeben wird.
Aussehen: Athletische Eleganz für das Revier
Der BGS ist ein mittelgroßer Hund, dessen Körperbau länger als hoch ist. Er wirkt sehnig und muskulös, ohne dabei an Eleganz zu verlieren. Jede Linie seines Körpers signalisiert Einsatzbereitschaft und Kraft.
Fell, Farben und Anatomie:
- Das Haarkleid: Das Fell ist kurz, glatt, dicht und relativ hart. Es besitzt wenig Glanz und ist extrem wetterbeständig. Diese Textur sorgt dafür, dass Regen und Schmutz einfach abperlen und der Hund im dichten Unterholz nicht hängen bleibt.
- Farbvarianten: Die typische Farbe ist Hirschrot, die in verschiedenen Schattierungen vorkommt - von hellem Rotgelb bis hin zu einem tiefen Dunkelrot. Oft findet man eine schwarze Stichelung auf dem Rücken und eine dunkle Maske an Fang und Ohren (Behängen).
- Der Kopf: Der Schädel ist relativ breit und wirkt edel. Die Augen haben einen klugen, aufmerksamen und oft etwas melancholischen Ausdruck. Die Behänge sind hoch angesetzt, schwer und flach am Kopf anliegend.
- Körperbau: Er hat eine tiefe Brust, einen muskulösen Rücken und eine leicht aufgezogene Bauchlinie - die Silhouette eines echten Bergsteigers.
Charakter: Sensibler Partner mit eisernem Willen
Das Wesen des Bayerischen Gebirgsschweißhundes ist von einer faszinierenden Dualität geprägt. Bei der Arbeit auf der Fährte ist er ein konzentrierter Profi, der sich durch nichts ablenken lässt. Er arbeitet eigenständig, mutig und mit einer Ausdauer, die ihresgleichen sucht. Er ist "hart" im Nehmen, wenn es darum geht, Hindernisse im Gelände zu überwinden.
Privat hingegen ist der BGS ein hochsensibler Hund. Er braucht den engen emotionalen Kontakt zu seinem Führer und dessen Familie. Ein BGS, der isoliert im Zwinger gehalten wird, verkümmert seelisch und verliert seine Leistungsbereitschaft. Er ist intelligent, lernt schnell, reagiert aber sehr empfindlich auf Ungerechtigkeit oder eine zu harte Hand. Er braucht eine Führungsperson, die ihm Sicherheit gibt und ihn als Partner auf Augenhöhe respektiert. Gegenüber Fremden ist er meist reserviert, was ein Erbe seines Wachtriebs ist.
Einsatzgebiete: Die Meisterschaft der Fährtenarbeit
Der BGS ist ein Hochleistungsspezialist für die Nachsuche. Seine Welt ist die "kalte Fährte".
- Nachsuche auf Schalenwild: Sein Haupteinsatzgebiet ist das Auffinden von krankem Wild nach dem Schuss oder nach Verkehrsunfällen. Er kann Schweißspuren folgen, die für das menschliche Auge unsichtbar sind.
- Verweisen und Verbellen: Hat der BGS das Wild gefunden, zeigt er dies durch Totenverbellen oder Totenverweisen an. Er ist so trainiert, dass er seinen Führer sicher zum Stück führt.
- Hetzjagd: Muss das kranke Wild noch lebend gestellt werden, zeigt der BGS seine Schnelligkeit und Schärfe, um das Tier festzuhalten, bis der Jäger eintrifft.
- Mantrailing: Aufgrund seiner genetischen Veranlagung für die Individualfährte wird er vereinzelt auch erfolgreich im Rettungswesen eingesetzt.
Pflege und Gesundheit: Robustheit und Prävention
Da der BGS ein reiner Arbeitshund ist, ist sein Gesundheitszustand meist hervorragend. Dennoch gibt es rassetypische Aspekte für Halter:
- Pflege: Der Pflegeaufwand für das Fell ist minimal. Wichtiger ist die regelmäßige Kontrolle der Ohren (aufgrund der Schlappohren) und der Pfoten, die im rauen Gelände stark beansprucht werden.
- Gesundheit: Durch die strengen Zuchtkontrollen des KBGS sind HD (Hüftdysplasie) und ED (Ellbogendysplasie) selten, dennoch werden Zuchttiere konsequent geröntgt.
- Auslastung: Ein BGS braucht Arbeit. Ohne regelmäßige Fährtenarbeit oder adäquate Nasenbeschäftigung wird er unausgeglichen. Reine Spaziergänge sind für seinen Geist nicht ausreichend.
- Lebenserwartung: Ein gesunder BGS erreicht oft ein Alter von 12 bis 15 Jahren.
Fazit: Ein Hund für passionierte Führer
Der Bayerische Gebirgsschweißhund ist kein Hund für die Stadt und kein Hund für Menschen, die einen gemütlichen Familienhund suchen. Er ist ein Spezialist, der eine Aufgabe fordert. In den Händen eines Jägers oder eines professionellen Nachsuchenführers ist er jedoch der treueste und fähigste Begleiter, den man sich vorstellen kann.
Seine Sensibilität gepaart mit seiner jagdlichen Härte macht ihn zu einer Ausnahmeerscheinung in der Hundewelt. Wer bereit ist, sich auf das "Abenteuer Schweißarbeit" einzulassen, findet im BGS einen Freund fürs Leben.
Häufige Fragen (FAQ) zum BGS
Darf ein BGS in eine Nicht-Jäger-Familie?
Seriöse Züchter geben die Welpen fast nur an Jäger ab. Ein BGS ohne jagdliche Arbeit ist oft unglücklich. Wer kein Jäger ist, muss ihm professionelle Alternativen wie Mantrailing bieten.
Ist der BGS ein Kläffer?
Nein. Er meldet zwar kurz, wenn Fremde kommen, ist aber ansonsten ein eher ruhiger Hund, der seine Stimme gezielt bei der Arbeit einsetzt.
Wie unterscheidet er sich vom Hannoverschen Schweißhund?
Der BGS ist kleiner, leichter, wendiger und deutlich kletterfreudiger. Er ist für das Hochgebirge optimiert, während der Hannoversche der Kraftprotz für das Flachland ist.
Bildergalerie: Bayerischer Gebirgsschweißhund
Impressionen des BGS in seinem Element:









