Hunde Haltung

Mythos beim Welpenkauf: Mein Welpe hat mich ausgewählt!

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Welpenkauf: Hat mich der Welpe wirklich ausgewählt? Mythen & Fakten

Mythos beim Welpenkauf
Mythos beim Welpenkauf

„Er kam sofort auf mich zu - er hat mich ausgewählt!“ Diesen Satz hört man fast bei jedem zweiten Welpenkauf. Es ist eine romantische Vorstellung: Eine schicksalshafte Begegnung, bei der das Tier entscheidet, wer sein künftiger Lebensbegleiter sein wird. Doch so schön dieser Gedanke auch ist, so gefährlich kann er für das spätere Zusammenleben sein.

Die Entscheidung für einen Hund ist eine Verpflichtung für die nächsten 10 bis 15 Jahre. Wer seine Wahl allein auf den ersten Impuls von zehn Sekunden stützt, muss oft später zähneknirschend zugeben, dass der Charakter des Hundes so gar nicht zum eigenen Lebensstil passt. In diesem Ratgeber räumen wir mit dem Mythos der „Selbstwahl“ auf und zeigen Ihnen, wie Sie wirklich den passenden Partner auf vier Pfoten finden.

Die Szene beim Züchter: Warum wir uns täuschen lassen

Man stelle sich folgende Situation vor: Sie betreten zum ersten Mal den Welpenauslauf. Die Aufregung ist groß, der „Niedlichkeitsfaktor“ auf dem Maximum. Ein Welpe rennt als Erster auf Sie zu, knabbert an Ihren Schnürsenkeln und lässt sich nicht mehr von Ihrer Seite vertreiben. Das Herz schmilzt, die Entscheidung steht fest: Dieser Welpe soll es sein.

Was hier passiert, ist eine klassische Vermenschlichung. Wir interpretieren Neugierde als Zuneigung und Aktivität als Seelenverwandtschaft. Dabei weiß der Welpe in diesem Moment gar nicht, dass er bald in ein neues Zuhause ziehen wird - und schon gar nicht, dass Sie derjenige sind, der ihn dort hinführt.

Warum kommt ausgerechnet dieser Welpe auf mich zu?

Süße Welpen im Korb beim Züchter
Der erste Besuch beim Wurf ist emotional - doch Vorsicht vor vorschnellen Entscheidungen.

Es gibt viele rationale Gründe für das Verhalten eines Welpen beim Erstkontakt, die rein gar nichts mit einer „Wahl“ zu tun haben:

  • Das Temperament: Der Welpe, der als Erstes angerannt kommt, ist wahrscheinlich der mutigste, neugierigste und selbstbewussteste des Wurfs. Das kann toll sein - bedeutet aber oft auch, dass dieser Hund später eine sehr konsequente Führung braucht. Passt ein „Draufgänger“ wirklich in Ihr Leben?
  • Der Schlaf-Wach-Rhythmus: Welpen schlafen bis zu 20 Stunden am Tag. Vielleicht ist dieser eine Welpe gerade erst aufgewacht und voller Energie, während seine Geschwister bereits zwei Stunden getobt haben und nun tief schlafen. Hätten Sie den Wurf zwei Stunden früher besucht, wäre vielleicht ein ganz anderer Welpe auf Sie zugekommen.
  • Bewegungsreize: Wackelnde Schnürsenkel, glitzernde Knöpfe oder flatternde Hosenbeine sind für Welpen unwiderstehlich. Oft gilt das Interesse des Tieres Ihrem Schuhwerk und nicht Ihrer Persönlichkeit.
  • Zufällige Nähe: Welpen interagieren oft mit dem, was gerade physisch am nächsten ist. Lag der kleine Kerl zufällig direkt neben dem Eingang, ist er natürlich der Erste an Ihren Füßen.

Seriöse Welpen von guten Züchtern lieben erst einmal jeden Besuch. Ihre Interaktion hängt maßgeblich vom momentanen Energielevel und der rassetypischen Neugier ab.

Wie erkenne ich den Charakter eines Welpen?

Um eine fundierte Entscheidung zu treffen, müssen Sie hinter die Fassade des „süßen Welpen“ blicken. Experten nutzen hierfür oft Verhaltenstests, um Tendenzen im Charakter festzustellen:

Der Welpentest (z.B. nach Campbell)

Professionelle Züchter oder Trainer beobachten die Welpen in verschiedenen Situationen:

  • Soziale Hinwendung: Wie reagiert der Welpe auf eine fremde Person, die sich passiv verhält?
  • Folgetrieb: Folgt der Welpe bereitwillig oder bleibt er eigenständig?
  • Reaktion auf Zwang: Wie verhält sich das Tier, wenn es sanft auf den Rücken gerollt wird? (Akzeptanz vs. massiver Widerstand)
  • Geräuschempfindlichkeit: Wie reagiert er auf ein plötzliches lautes Geräusch (z.B. fallender Schlüsselbund)? Erschrickt er kurz und erkundet dann die Quelle, oder flüchtet er panisch?

Der wichtigste Partner: Ihr Züchter

Da Sie als Besucher immer nur einen winzigen Ausschnitt (vielleicht 60 Minuten) aus dem Alltag der Tiere sehen, ist der Rat des Züchters unbezahlbar. Er lebt rund um die Uhr mit den Tieren und sieht sie in allen Phasen: beim Fressen, beim Spiel mit den Geschwistern, in Ruhephasen und bei der Bewältigung von neuen Reizen.

Ein seriöser Züchter wird Ihnen Fragen zu Ihrem Lebensstil stellen:

  • Haben Sie Kinder?
  • Sind Sie sportlich aktiv oder eher gemütlich unterwegs?
  • Haben Sie bereits Hundeerfahrung?
  • Wie sieht Ihr Wohnumfeld aus?

Nach diesen Kriterien wird er Ihnen einen Welpen empfehlen. Wenn der Züchter sagt: „Der ruhigere Rüde mit dem blauen Halsband passt besser zu Ihrer Familie als der kleine Wirbelwind“, dann sollten Sie diesem Rat folgen - auch wenn der Wirbelwind Sie beim Besuch zuerst „ausgesucht“ hat.

Fehler bei der Welpenwahl vermeiden

Neben dem „Er hat mich ausgesucht“-Mythos gibt es weitere Fallen:

  • Mitleidskäufe: Den „schüchternsten“ Welpen aus Mitleid zu nehmen, kann schwierig werden. Ein Hund, der sich beim Züchter schon ängstlich in der Ecke verkriecht, braucht oft ein extrem erfahrenes Zuhause, um im Alltag nicht zum Angstbeißer zu werden.
  • Nur nach Optik entscheiden: Die Farbe des Fells sollte das letzte Kriterium sein. Was nützt der schönste Hund, wenn sein Energielevel Ihre Kapazitäten sprengt?

Fazit: Kopf einschalten beim Welpenkauf

Natürlich ist die Sympathie wichtig, und es ist ein tolles Gefühl, wenn ein Welpe Zuneigung zeigt. Aber lassen Sie sich nicht allein von Ihren Emotionen leiten. Ein Hund ist kein kurzfristiges Projekt, sondern ein Familienmitglied für ein Jahrzehnt oder länger.

Nutzen Sie die Erfahrung des Züchters, beobachten Sie den Wurf mehrmals zu unterschiedlichen Tageszeiten und wählen Sie den Hund, dessen Wesen zu Ihren Lebensumständen passt. So legen Sie den Grundstein für eine glückliche und harmonische Zukunft.


Foto: Uschi Dreiucker / pixelio.de

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1 Gedanke zu „Mythos beim Welpenkauf: Mein Welpe hat mich ausgewählt!“

  1. Danke für die wahren Worte, musste glaube ich auch einmal gesagt werden. Ich bin auch eher der Meinung, dass man bei der Welpensuche eher rational vorgehen sollte und nicht überwältigt, voller Emotionen den Erst-besten auswählen.
    Sehr guter Artikel
    LG 🙂

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