Bergamasker Hirtenhund: Der zottelige Philosoph aus den Alpen
Kurzinfos & Steckbrief
Der Bergamasker Hirtenhund (Cane da Pastore Bergamasco) ist eine der markantesten Erscheinungen unter den europäischen Hütehunden. Mit seinem charakteristischen Zottenfell, das ihn wie eine wandelnde Festung schützt, und seinem wachen, intelligenten Blick ist er ein Relikt aus einer Zeit, in der Hunde eigenständige Entscheidungen hoch oben in den italienischen Alpen treffen mussten. Er ist ein sanftmütiger Riese mit einem tiefen Verständnis für seine Menschen.
- Herkunftsland: Italien
- FCI-Standard: Gruppe 1 (Hütehunde und Treibhunde) / Sektion 1 / Nr. 194
- Größe: Rüden ca. 60 cm | Hündinnen ca. 56 cm (Toleranz +/- 2 cm)
- Gewicht: Rüden 32-38 kg | Hündinnen 26-32 kg
- Besonderheit: Einzigartige Zottenbildung ("Dreadlocks") zum Schutz vor Raubtieren und Wetter
Geschichte: Der Wächter der Lombardei
Die Wurzeln des Bergamaskers reichen Tausende von Jahren zurück. Man vermutet, dass seine Vorfahren aus dem Orient stammten und mit wandernden Hirtenstämmen in die italienischen Alpen gelangten. In der Region um Bergamo fand die Rasse ihre Bestimmung. Hier wurde sie darauf selektiert, Schafe und Rinder nicht nur zu treiben, sondern sie auch eigenständig vor Wölfen und Bären zu schützen.
Die Arbeit in den rauen Bergregionen erforderte einen Hund, der extrem wetterfest, psychisch stabil und intelligent genug war, ohne ständige Anweisungen des Hirten zu agieren. Das markante Fell entwickelte sich als natürlicher Schutzpanzer gegen Bisse von Raubwild und die eisige Kälte der Hochalpen. Lange Zeit war die Rasse außerhalb Italiens nahezu unbekannt, doch heute schätzen Liebhaber weltweit sein ausgeglichenes Wesen und seine außergewöhnliche Optik.
Erscheinungsbild: Ein archaischer Schutzpanzer
Das auffälligste Merkmal des Bergamaskers ist zweifellos sein Haarkleid. Es verleiht dem Hund eine fast quadratische, kräftige Silhouette und macht ihn optisch größer, als er eigentlich ist.
Fellbeschaffenheit und Farben:
- Die Zottenbildung: Das Fell besteht aus drei Haartypen: der dichten, fettigen Unterwolle, dem langen "Ziegenhaar" und einem feineren Wollhaar. Diese verweben sich ab dem zweiten Lebensjahr zu flachen Filzmatten oder Zotten. An der vorderen Körperhälfte bleibt das Haar meist glatter, während die Zotten ab der Brust nach hinten und an den Beinen voll ausgeprägt sind.
- Funktion: Die Zotten schützen den Hund vor Überhitzung im Sommer, Erfrierungen im Winter und dienen als Polster gegen Angriffe.
- Farben: Meist gleichmäßig Grau in allen Nuancen oder Grau-Schwarz gefleckt (Merle). Auch reines Schwarz oder Isabellfarben kommen vor.
- Pflege-Mythos: Entgegen der Vermutung ist das Fell sehr hygienisch. Ist die Zottenstruktur erst einmal gefestigt, muss der Hund kaum noch gebürstet werden. Er haart zudem praktisch nicht.
Wesen: Der loyale Partner mit eigenem Kopf
Der Bergamasco ist ein hochintelligenter, besonnener und ausgeglichener Hund. Er zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Geduld und eine hohe Reizschwelle aus. Als ursprünglicher Hirtenhund besitzt er die Fähigkeit, Situationen blitzschnell zu analysieren und eigenständige Entschlüsse zu fassen.
In der Familie zeigt er sich als treuer und feinfühliger Begleiter. Er geht eine extrem enge Bindung mit seinen Menschen ein und möchte am liebsten immer in ihrer Nähe sein. Sein Schutztrieb ist vorhanden, aber kontrolliert - er bewacht sein "Rudel" zuverlässig, ohne dabei aggressiv zu agieren. Seine Gelassenheit macht ihn auch zu einem hervorragenden Hund für Familien mit Kindern, denen er mit großer Sanftmut begegnet.
Haltung: Ein Leben in Gemeinschaft
Der Bergamasco ist kein Hund für die reine Außenhaltung oder den Zwinger. Er braucht den sozialen Anschluss und das Gefühl, gebraucht zu werden. Er passt sich den Lebensumständen seiner Menschen gut an, solange er geistig und körperlich gefordert wird.
Anforderungen an den Alltag:
- Bewegung: Er liebt lange Wanderungen und ist ein ausdauernder Partner in der Natur. Er ist jedoch kein "Hektiker", sondern schätzt eher das gleichmäßige Tempo.
- Geistige Auslastung: Da er ein kluger Denker ist, eignen sich Suchspiele, Fährtenarbeit oder Agility (in moderatem Tempo) hervorragend, um ihn auszulasten.
- Wohnumfeld: Ein Haus mit Garten ist ideal, damit er seiner Leidenschaft, dem Beobachten und Bewachen, nachgehen kann. Aufgrund seiner ruhigen Art im Haus ist er jedoch erstaunlich anpassungsfähig.
Erziehung: Kommunikation auf Augenhöhe
Einen Bergamasco zu erziehen, bedeutet, ihn zu überzeugen. Er besitzt keinen blinden Gehorsam. Wenn er den Sinn eines Kommandos nicht versteht, wird er es eventuell mit einer gewissen "italienischen Gelassenheit" ignorieren. Er braucht eine ruhige, konsequente und souveräne Führung.
Druck oder Härte sind bei diesem sensiblen Hund völlig kontraproduktiv. Mit positiver Verstärkung und einer klaren, vertrauensvollen Bindung erreicht man bei ihm fast alles. Er lernt extrem schnell und vergisst einmal Gelerntes praktisch nie wieder. Seine Sozialisierung gegenüber anderen Hunden verläuft meist unproblematisch, da er von Natur aus ein eher friedfertiges Wesen hat.
Gesundheit und Pflege
Der Bergamasco gehört zu den robustesten Hunderassen überhaupt. Da er nie ein Modehund war, blieb er von vielen Erbkrankheiten verschont.
- Fellpflege: Im Welpenalter muss er gebürstet werden. Wenn die Zottenbildung beginnt (ca. mit 1-2 Jahren), müssen die Matten lediglich von Hand "organisiert" bzw. getrennt werden. Danach ist er extrem pflegeleicht. Schmutz fällt meist von selbst ab.
- Baden: Ein Bergamasco sollte nur im Notfall gebadet werden, da die Zotten Tage brauchen, um vollständig zu trocknen.
- Gesundheit: Er gilt als sehr langlebig und erreicht oft ein Alter von 13 bis 15 Jahren. Wie bei allen größeren Hunden sollte dennoch auf HD (Hüftgelenksdysplasie) geachtet werden.
Häufige Fragen (FAQ) zum Bergamasco
Muss man das Fell des Bergamaskers bürsten?
Nein, sobald die Zotten (Filzplatten) ausgereift sind, darf er nicht mehr gebürstet werden, da man sonst die schützende Struktur zerstört. Er haart dadurch auch fast gar nicht.
Ist er für Allergiker geeignet?
Viele Allergiker kommen mit dem Bergamasco gut zurecht, da die Haare in den Zotten verbleiben und nicht in der Luft herumfliegen. Ein individueller Test ist jedoch ratsam.
Bellt der Bergamasco viel?
Er ist ein aufmerksamer Wächter und meldet Besucher an. Er ist jedoch kein nervöser Kläffer und beruhigt sich schnell, sobald er die Situation als sicher einschätzt.
Bildergalerie: Bergamasco
Faszinierende Aufnahmen des italienischen Hirtenhundes:









