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Norwegischer Lundehund: Das anatomische Wunderwerk aus den Fjorden

Norwegischer Lundehund - Norsk Lundehund

Der Lundehund: Einzigartig in Anatomie und Wesen

Kurzinfos & Steckbrief

Der Norwegische Lundehund (Norsk Lundehund) ist zweifellos eine der außergewöhnlichsten Hunderassen der Welt. Was auf den ersten Blick wie ein kleiner, fuchsartiger Spitz aussieht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein biologisches Phänomen. Über Jahrhunderte auf den abgelegenen Inseln Nordnorwegens isoliert, entwickelte dieser Hund körperliche Merkmale, die bei keiner anderen Hunderasse vorkommen. Er ist ein Kletterspezialist, der dafür geschaffen wurde, in steilen Klippen Papageitaucher zu fangen. Heute ist er ein seltener, sensibler und überaus lebhafter Begleiter für Menschen, die das Besondere schätzen und bereit sind, auf die speziellen Bedürfnisse dieses „Gummiband-Hundes“ einzugehen.

  • Herkunftsland: Norwegen
  • FCI-Standard: Gruppe 5 (Spitze und Hunde vom Urtyp) / Sektion 2 / Nr. 265
  • Größe: Rüden 35-38 cm | Hündinnen 32-34 cm
  • Gewicht: ca. 6 kg bis 7 kg
  • Besonderheit: Sechs Zehen pro Pfote, extrem flexible Gelenke, verschließbare Ohren

Geschichte: Der Kletterkünstler der Lofoten

Die Geschichte des Norwegischen Lundehundes ist eng mit dem Überleben der Küstenbevölkerung in Nordnorwegen verknüpft. Der Name leitet sich vom norwegischen Wort „Lunde“ für Papageitaucher ab. Diese Vögel nisteten in tiefen, unzugänglichen Erdhöhlen in den steilen Klippen der Inseln wie Værøy und Røst. Da die Eier und das Fleisch der Vögel eine lebenswichtige Nahrungsquelle waren, brauchten die Menschen einen Hund, der in die schmalen Gänge kriechen und die Vögel lebend apportieren konnte.

Durch die geografische Isolation blieb die Rasse über Jahrhunderte rein. Mit der Einführung von Fangnetzen im 19. Jahrhundert wurde der Lundehund jedoch fast arbeitslos. Die Rasse stand mehrfach kurz vor dem Aussterben, insbesondere durch Staupe-Epidemien im 20. Jahrhundert. Nur durch das Engagement weniger Liebhaber, die die letzten verbliebenen Tiere von den einsamen Inseln retteten, konnte dieser kynologische Schatz bewahrt werden. Heute ist der Bestand gesichert, doch der Lundehund bleibt eine seltene Rasse mit einer weltweit einzigartigen genetischen Signatur.


Anatomie: Die Superkräfte des Lundehundes

Was den Lundehund so faszinierend macht, sind seine einzigartigen anatomischen Anpassungen, die ihm das Klettern in vertikalen Felswänden ermöglichen:

  • Die Pfoten (Polydaktylie): Ein Lundehund hat mindestens sechs Zehen an jeder Pfote. Während normale Hunde vier Zehen nutzen, treten beim Lundehund fünf Zehen effektiv auf. Dies verleiht ihm in den Klippen einen Grip wie ein Bergsteiger. Der Daumenkomplex ist hochkomplex mit eigenen Sehnen und Muskeln ausgestattet.
  • Die Schultergelenke: Dank eines speziellen Schultergürtels kann der Lundehund seine Vorderläufe im 90-Grad-Winkel seitlich vom Körper wegstrecken. Das hilft ihm, sich in schmalen Spalten abzustützen oder stabil zu kriechen.
  • Die Halswirbel: Die Gelenke im Nacken sind so flexibel, dass der Hund seinen Kopf so weit nach hinten biegen kann, dass die Stirn den Rücken berührt. Dies war überlebenswichtig, um sich in den engen Bruthöhlen der Vögel umzudrehen.
  • Verschließbare Ohren: Er kann seine Gehörgänge durch Falten der Ohrmuschel verschließen, um sie in den staubigen Erdgängen vor Dreck und Feuchtigkeit zu schützen.

Erscheinungsbild: Ein kleiner Fuchs im nordischen Gewand

Der Lundehund ist ein kleiner, beweglicher Spitz von rechteckigem Format. Er wirkt leichtfüßig und aufgeweckt.

Fell und Farben:

  • Haarkleid: Er besitzt ein typisch nordisches Doppelhaar mit dichtem, rauem Deckhaar und weicher Unterwolle. Das Fell ist pflegeleicht und wetterfest.
  • Farben: Die Palette reicht von Rotbraun bis Fahlbraun, oft mit schwarzen Haarspitzen. Weiß ist als Abzeichen oder als Grundfarbe mit dunklen Flecken vorhanden. Ein interessantes Detail: Erwachsene Hunde haben oft deutlich mehr dunkle Spitzen im Fell als Welpen.
  • Die Rute: Sie ist dicht behaart und wird entweder ringförmig über dem Rücken oder hängend getragen.


Wesen: Sensibel, aufgeweckt und eigenwillig

Das Wesen des Lundehundes ist eine spannende Mischung aus Lebhaftigkeit und Sensibilität. Er ist ein fröhlicher, freundlicher Hund, der eine sehr enge Bindung zu seiner Familie aufbaut. Er gilt als sehr wachsam und bellfreudig - jede Veränderung in seinem Revier wird kommentiert.

Trotz seiner Kooperationsbereitschaft besitzt er eine nordische Eigenwilligkeit. Er ist kein Hund für blinden Gehorsam, sondern behält sich immer eine gewisse Unabhängigkeit vor. Da er über Jahrhunderte darauf spezialisiert war, eigenständig in Höhlen zu arbeiten, denkt er oft selbst mit. Er ist zudem sehr sensibel gegenüber Stimmungen und braucht eine liebevolle, sanfte Führung. Härte oder lautes Schreien würden diesen Hund zutiefst verunsichern.


Haltung: Ein aktiver Partner für Entdecker

Der Lundehund ist ein aktiver Begleithund, der gerne draußen unterwegs ist. Aufgrund seiner Größe kann er gut in einer Wohnung gehalten werden, sofern er geistig und körperlich ausgelastet wird.

Besonderheiten im Alltag:

  • Bewegungsdrang: Er liebt lange Spaziergänge und Wanderungen, besonders in unebenem oder felsigem Gelände, wo er seine Kletterkünste zeigen kann.
  • Jagdtrieb: Da er ein spezialisierter Sichtjäger auf Vögel war, kann Jagdtrieb vorhanden sein. Meist ist er jedoch gut kontrollierbar.
  • Sozialverhalten: Er ist meist verträglich mit Artgenossen, braucht aber eine gute Sozialisierung, um seine Wachsamkeit nicht in übermäßiges Misstrauen umschlagen zu lassen.
  • Bellfreudigkeit: Als typischer Spitz meldet er viel. Dies sollte man bei der Haltung in hellhörigen Mietshäusern bedenken.


Erziehung: Konsequenz mit Samthandschuhen

Die Erziehung eines Lundehundes erfordert Geduld. Er lernt schnell, testet aber auch gerne Grenzen aus. Da er so sensibel ist, erreicht man bei ihm mit positiver Verstärkung und spielerischem Lernen am meisten. Er möchte als Partner wahrgenommen werden. Da er anatomisch so flexibel ist, sind klassische Übungen wie „Sitz“ oder „Platz“ für ihn körperlich kein Problem, er führt sie aber oft auf seine ganz eigene, „gelenkige“ Weise aus.


Gesundheit: Das Lundehund-Syndrom

Eine Besonderheit der Rasse ist das sogenannte Lundehund-Syndrom (Intestinale Lymphangiektasie). Aufgrund der jahrhundertelangen Isolation und Inzucht neigen einige Hunde zu dieser speziellen Magen-Darm-Erkrankung, bei der Eiweiß über den Darm verloren geht.

  • Ernährung: Viele Lundehunde benötigen eine fettarme Diät und spezielles Futter, um gesund zu bleiben.
  • Zucht: Seriöse Züchter arbeiten heute international zusammen (Outcrossing-Projekte), um die genetische Vielfalt zu erhöhen und die Rasse gesünder zu machen.
  • Lebenserwartung: Bei guter Gesundheit und richtiger Ernährung erreichen sie ein Alter von 12 bis 14 Jahren.


Häufige Fragen (FAQ) zum Norwegischen Lundehund

Wofür hat der Lundehund sechs Zehen?
Die zusätzlichen Zehen dienten als funktionale Stütze beim Klettern in steilen, glitschigen Vogelfelsen. Sie geben ihm mehr Halt und verhindern das Abrutschen.

Ist der Lundehund für Allergiker geeignet?
Nein, er hat ein normales nordisches Fell mit Unterwolle und haart saisonal recht stark.

Kann der Lundehund wirklich seinen Kopf bis auf den Rücken biegen?
Ja, durch seine extrem flexiblen Halswirbel kann er den Kopf fast um 180 Grad nach hinten biegen. Dies half ihm früher, sich in den engen Erdgängen der Papageitaucher umzudrehen.


Bildergalerie: Norwegischer Lundehund

Entdecken Sie das anatomische Wunder Norwegens:

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Vielen Dank für diesen Artikel an Jens! Foto: ©f8grapher/Fotolia

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